• Carsten Ringler

Muay Thai, Thaiboxen, K1 und Kickboxen


Als Trainer und Betreiber im eigenen Gym muss man sich natürlich auch mit Interessenten für Probetrainings und ähnlichen Anfragen auseinander setzen.

Unter meinem Logo, auf Facebook, Instagram und auch YouTube steht ganz klar und deutlich "Muay Thai Gym".

Dennoch flattern immer wieder Anfragen für mein "Kickbox"-Training rein.

Wenn ich dann antworte:"Ich unterrichte Muay Thai. Sie können gerne vorbei kommen und mitmachen." ist der darauf folgende Satz oft Dieser:"Das ist doch das Gleiche!"


Auch wenn ich es nicht sollte, fühle ich mich oft ein wenig davon angegriffen mit so einem Satz beworfen zu werden.


Beim Handball und Basketball spielt man mit einem Ball, den man auch dribbeln darf und versucht in ein Netz zu feuern, um einen Punkt zu bekommen.

Es sind dennoch zwei unterschiedliche Sportarten mit unterschiedlichen Regelwerken und sogar unterschiedlicher Punkteverteilung.


Das ist hier nicht anders.

Also erstmal. NEIN. Es ist nicht das Gleiche!

Wie gesagt, steht unter meinem Logo usw "Muay Thai Gym", was auch so viel bedeutet wie.

Ich bin auch gar kein Experte fürs Kickboxen.

Dennoch gibt es da einige gravierende Unterschiede im Regelwerk und der Punkteverteilung, sowie im ganzen Verlauf des Kampfes, den wir uns dann anschauen.


Um erstmal ein paar Begrifflichkeiten zu klären:


Muay Thai und Thaiboxen ist das Gleiche!

Also wenn ihr jemanden fragt was er macht und er "Thaiboxen" antwortet, fragt ihn danach einfach mal "Also Muay Thai?" und er daraufhin "nein" sagt, bedeutet das er hat eigentlich gar keine Ahnung was er da eigentlich macht.

Thaiboxen ist eine andere Bezeichnung für Muay Thai. Ich würde eigentlich sagen, Eine, die ein bisschen leichter für das westliche Verständnis nachzuvollziehen ist.

Muay Thai kommt aus Thailand und in solchen Kämpfen darf mit den Fäusten, Ellbogen, Knien und Füßen der Kopf, Oberkörper und auch die Beine des Gegners angegriffen werden.

Der Clinch, also das Ringen im Stand, ist ebenfalls erlaubt und von dort aus dürfen sogar Würfe genutzt werden den Gegner zu Boden zu bringen.

Genau so darf zum Beispiel ein Tritt gefangen, festgehalten und der Gegner dann auch gleichzeitig mit den eigenen Angriffstechniken oder auch Würfen attackiert werden.

Eine weitere Besonderheit, die ein wenig roher erscheint, ist, dass der Gegner sogar zum Rücken oder Hinterkopf geschlagen werden darf.

Zu all dem kommt noch der für mich mit wichtigste Teil des Kampfes im Muay Thai, und zwar der sogenannte "Wai Kru" und gegebenen Falls "Ram Muay ".

Der Wai Kru wird vor Beginn des Kampfes durchgeführt und soll den Respekt des Kämpfers gegenüber seinem Lehrer, dem Gym, Trainingspartner und auch seiner Familie, die ihn unterstützt, ausdrücken und sie durch dieses Ritual ehren und ihnen danken.

Der Ram Muay ist ein getanzter Kampf, der dem Wai Kru oft folgt.

Es gibt unglaublich viele verschiedene Elemente, die verschiedene Bedeutungen in sich tragen.

Wenn man die Bewegungen kennt, kann man sie frei kombinieren und sich so zum Beispiel die unterstützenden Eigenschaften der dargestellten Charaktere aneignen.

Weiter auch dem Gegner jetzt schon eine Botschaft schicken, indem man zum Beispiel sympolisch mit einem Bogen auf ihn schießt oder ihn begräbt.

Der komplette Wai Kru Ram Muay ist eine Kunst für sich und eine Besonderheit, die einen essenziellen Teil des Kampfes im Muay Thai darstellt.

Dieses Element des Kampfes wird man niemals in einem Kickbox Kampf zu sehen bekommen.

Sowohl der Wai Kru Ram Muay als auch der Kampf selbst wird von einer "Band" mit seinen Instumenten musikalisch untermalt, geführt und auch "kommentiert".

Es läuft also die ganze Zeit traditionelle "Muay Thai Musik", wenn man sich einen Kampf anschaut.


Kickboxen ist eine noch recht junge Kampfsportart, die meines Wissens nach aus dem Karate und anderen ähnlichen Kampfsportarten stammt.

Zumindest wurde eine dem "reinen" Kickboxen ähnliche Variante, das so genannte "all style Karate", in den 70er Jahren ins Leben gerufen.

Die in den östlichen Kampfsportarten zu findenen Techniken wurden für eine wettkampffreundliche Variante mit dem westlichen Boxen kombiniert und so eine eigene Kampfsportart kreiert.

Was war erlaubt?

Schläge mit den Fäusten und Tritte mit den füßen oberhalb der Gürtellinie.

Hier gibt es nochmal Unterschiede in der Bewertung und Ausführung der Techniken. So gibt es zum Beispiel, im Gegensatz zum Muay Thai, auch Leichtkontakt Varianten des Regelwerks, in denen es nicht erlaubt ist mit voller Kraft zu zu schlagen oder zu treten.


Wenn wir uns nun diese beiden Hintergründe der beiden Sportarten anschauen, können wir uns eigentlich kaum vorstellen, dass Diese verwechselt werden können.

Das Problem hat nun meiner meinung nach verschiedene Ursachen, die auf ein bestimmtes Regelwerk einer aus Japan stammenden Organisation zurück zu führen sind.

Regelwerk und Organisation tragen den namen "K1".

Wem dieser Name bekannt vorkommt, hat möglicherweise in den 90er Jahren und anfang der 2000er öfters mal eine Nacht durchgemacht und den Fernseher eingeschaltet, als dort noch die K1 Kämpfe übertragen wurden.

Seit dieser Zeit hat es einige Veränderungen am Regelwerk gegeben und die K1 Kämpfe sehen heute anders aus als zu dieser Zeit, aber damals durften Kämpfer aus verschiedenen Disziplinen sich in diesen Turnieren in einem Regelwerk messen, das erlaubte mit Fäusten, Füßen und auch Kniestößen den Gegner nicht nur oberhalb der Gürtellinie, sondern auch dessen Beine anzugreifen.

Hier finden wir die erste Überschneidung beider Sportarten.

Dazu kommt der aktive Clinch. Das bedeutet in der Nahdistanz durfte auch beim K1 der Gegner gehalten und angegriffen werden.

Nun haben wir uns Kämpfe angesehen, die zumindest für einen Laien rein optisch dem Muay thai ziemlich nah kamen und man eben als Laie nicht genau sagen konnte was das jetzt genau war.

Dazu kommt ein ganz krasser Fakt, der 2004 auf uns zu gerollt kam und den namen "Buakaw" trägt.

Er war nicht der Einzige, aber zumindest der Bekannteste thailändische Teilnehmer bei den K1 Kämpfen.


Ein thailändischer Muay Thai Kämpfer, der durch den Ausfall eines Kämpfers, in das größte Turnier der Organisation, das K1 MAX, in seiner Gewichtsklasse rutscht und alle Turnierteilnehmer besiegen konnte.

Nun haben wir einen optisch im Muay Thai Stil kämpfenden "Kickboxer", der sogar im deutschen TV gezeigt wird.

Der Laie hält den Thailänder für einen "Thaiboxer" und was auch immer er dort kämpft, muss ja Thaiboxen sein.

Nun hat K1 international an Bekanntheit gewonnen und es gibt bei jeder Art von Erfolg natürlich auch Trittbrettfahrer, die sich Namen und Regelwerk zu Nutze machen ihre eigenen Gyms und Veranstaltungshallen zu füllen.

Wir veranstalten als "K1"-Turniere, bei denen Kickboxkämpfe unter diesem besonderen Regelwerk, das wir aus dem Fernsehen kennen, ausgetragen werden.

In den Gyms entstehen "Kick-/Thai-box" Kurse, in denen auch auf solche Kämpfe vorbereitet werden soll und der Hobbysportler den krassen Sport betreiben kann, den er im Fernsehen gesehen hat.

Der Begriff "Muay Thai" ist zu abstrakt und Thaiboxen lässt sich in der bekannten Kickbox Kombination besser verkaufen.

Heute finden wir auf Veranstaltungen tatsächlich einige Gyms, die "Muay Thai" auf ihre Sportkleidung schreiben, dann aber unter dem Kickbox Regelwerk von K1, das im Übrigen eigentlich rechtlich geschützt ist, in den Ring steigen.

Wie soll der Zuschauer, der vielleicht nur Onkel, Bruder oder Kumpel von einem Kämpfer ist, jetzt checken was da genau im Ring passiert.

Es steht Muay Thai oder Thaiboxen drauf, also wird das auch drin sein...

Gekämpft wird aber Kickboxen mit Lowkicks (Tritte seitlich zum Oberschenkel) und Kniestößen.


Kein Wai Kru

Kein Ram Muay

Keine Musik

Keine Ellbogen

Kein Clinch

Nichtmal Teeps (Frontkicks) zum Oberschenkel sind erlaubt

Keine Würfe


All das und mehr ist aber Muay Thai!

Alles andere ist einfach etwas anderes.

Es bedeutet nicht, dass das Eine schlechter oder besser ist als das Andere ist. Absolut nicht!

Jeder soll das machen, worauf er Bock hat und jeder Sport hat seine Daseinsberechtigung und mehr!!!

ich wünsche mir nur, dass man sich dessen bewusst ist, was man da tut und auch ein "Produkt" nicht als etwas verkauft, das es nicht ist oder mit fremden Federn schmückt.


Ihr könnt gern etwas dazu sagen und euch melden.


Ich habe das Eine oder Andere weg gelassen, um es nicht zu weit in die Länge zu ziehen...

Es ist schwierig meinen Gehirn-Inhalt auf diese paar Zeilen zu reduzieren, aber leider nötig, damit es nicht langweilig wird :D


Ansonsten. Falls ich mich irgendwo irre oder jemand andere Erfahrungen gemacht hat, kommentieren und teilen.




268 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen