• Carsten Ringler

Kampfsport und Selbstverteidigung



Es kommt immer wieder vor, dass Menschen in meinem Gym auftauchen, die lernen wollen wie man sich selbst verteidigt.

Es gab irgendein Erlebnis, das sie oder jemand aus dem näheren Umfeld durchmachen musste, das nun motiviert etwas dafür zu tun, nicht wehrlos zu sein, falls es mal zu einer Situation kommt, in der es schön wäre sich ein bisschen wehren zu können.


Nun ist es so...

Ich selbst bin definitiv und auch aus Erfahrug sprechend in der Lage dazu mich mit dem, was ich kann und auch unterrichte zu verteidigen.

Das ist richtig.

Aber unterrichte ich Selbstverteidigung? Nein!

Ich unterrichte die waffenlose Kampfsportart Muay Thai und wie in dem Wort "Kampfsport" schon drin steckt, ist es ein Sport.

Ob es nun Kampfsport, Ballsport oder was auch immer ist, gibt es die Gemeinsamkeit, dass es in allen Sportarten, die in einem Wettstreit ausgeübt werden können Regeln gibt.

Diese Regeln gibt es in einer Selbstverteidigungssituation einfach nicht.

Manche haben so etwas wie einen Codex, der ihnen bei einer Schlägerei sagt, dass auf dem Boden Schluss ist, aber da können wir uns nun nicht wirklich drauf verlassen.

Grundsätzlich gibt es auf der Straße keine Regeln!


Das bedeutet für unser Training, dass wir Techniken und Situationen trainieren, die in einem sportlichen Zweikampf stattfinden können.

Das bedeutet zum Beispiel, dass wir uns nicht beißen oder in die Augen stechen.

Dazu kommt, dass es in einem Wettkampf immernoch einen oder mehrere Verantwortliche gibt, deren Aufgabe es ist den eindeutig unterlegenen Kämpfer im Zweifelsfall durch Kampfabbruch zu schützen.

Auch das gibt es auf der Straße nicht.

Wenn wir Pech haben, kriegen wir im schlimmsten Fall so lange aufs Maul bis der Angreifer keine Lust mehr hat oder müde wird.


Was wäre denn nun eine effektive Selbstverteidigungsform oder ein effetkives Selbstverteidigungstraining?!

MEINER Meinung nach ist Selbstverteidigung individuell.

Nicht jeder Mensch in Deutschland erlebt den gleichen Alltag und die gleichen Situationen, in denen etwas passieren kann.

Als Beispiel:

Wenn jemand in einem Büro arbeitet, in dem er sich hinter seinem Schreibtisch von Klienten oder Kunden potenziell bedroht fühlt, dann muss er sich auf andere Gefahrensituationen vorbereiten als ein Pfleger in einer psychiatrischen Anstalt.


Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Situationen, in denen die Menschen sich unsicher fühlen.

Der Pfleger wird wahrscheinlich niemals die Gleichen Situationen lösen müssen wie der Bürokrat.

Und der Bürokrat wird in seinem Büro nicht mit den gleichen Situationen umgehen müssen, wie ein Pfleger, der das Zimmer eines Patienten betritt.

Ich persönlich denke nicht, dass ein Kurs alleine die Bedürfnisse beider Situationen abdecken kann. Schon gar nicht, wenn dann noch zehn weitere Teilnehmer dazu kommen, die sich wieder individuellen Gefahrensituationen stellen müssen.


Wenn wir einen Kurs suchen, der uns hilft uns sicherer zu fühlen, in den Situationen, die uns eben ins Schwitzen bringen, dann ist ganz wichtig, dass wir einen Trainer finden, der selbst Erfahrung in ähnlichem Bereich mitbringt.

Das ist für mich echt ganz krasser Scheiß und einfach Verarsche, wenn die tausenden Selbstverteidigungstrainer, die frei rum laufen, noch niemals selbst in so einer Situation gesteckt haben.

Woher will dieser Typ wissen wie ihr euch fühlt oder gefühlt habt?

Dann erzählt der euch Sachen wie "in die Augen stechen" oder "das Ohr abbeißen" am Besten...

Ey... Schonmal jemandem ins Gesicht geschlagen? Sagen wir nur mit der flachen Hand. Einem Fremden, der euch irgendwie nicht in ruhe lässt.

Ja... Das braucht verdammt viel Überwindung.

Wir alle erinnern uns an Kids in der Schule, die tyrannisiert wurden und sich nie gewehrt haben.

Das ändert sich nicht unbedingt, wenn man älter wird.

Es steckt einfach nicht in jedem ein Krieger.

Jetzt steht vor uns ein Mensch, der noch nie einem anderen Menschen weh getan hat und dem sag ich dann "steck deinem Gegner deinen Zeigefinger ins Auge bis nicht mehr weiter geht" und alle Probleme sind gelöst.


Nein. Das ist bullshit und funktioniert einfach nicht für alle. Wenn wir auf den Pfleger zurück kommen, kann dieser den Patienten auch nicht einfach so ein Auge kaputt stechen.

Es ist krass und auf jeden Fall effektiv.

Es ist eben nicht anwendbar für die Meisten von uns.


Jetzt nehmen wir aus Spaß mal an, dass wir DIE Technik gelernt haben, die jeden Endgegner platt macht und für jeden passt.

Und ich bin hundert Prozent bereit meinem Gegner die Nasenflügel weg zu kauen, wenn es nötig ist.

Aber jetzt! Und das ist noch der beste Fall...

Ihr begegnet einem extrem aggressiven Typen, der euch ans Leder will.

Er ist laut, aggressiv und mit Hass in den Augen.

Der kommt auf euch zu und ohne große Worte feuert er euch direkt eine, dass es in eurem Kopf lauter knallt, als an Silvester.

In dem Moment, in dem ihr feststellt, dass er euch fressen will, habt ihr schon die Buchse voll.

Versprochen...

Und spätestens, wenn seine Handflähe auf eure Haut trifft, habt ihr alle tollen Techniken, die ihr jemals gelernt habt, vergessen.

Vielleicht auch schon vorher...

Das ist leider die bittere Wahrheit, aber noch immer nicht der schlimmste Fall.


Die Realität sieht allerdings oft so aus, dass ihr gar nicht wisst, wann es knallt.

In einem immernoch günstigen Fall seid ihr mit eurem Gegenüber hitzig am diskutieren.

Wenn ihr noch nie jemandem etwas getan habt... wie entscheidet ihr wann jetzt der richtige Moment ist den Ninja zu machen und die ganzen krassen Techniken auszupacken.

Irgendwann schlägt euer Gegenüber zu und wir sind wieder beim selbsen Ergebnis. Alles vergessen und wir haben heftig kassiert.

Ein noch weniger günstiger Fall:

Ihr wisst gar nicht, dass ihr grade Streit habt...

Das ist mir persönlich auch schon öfters passiert.

Ich wusste nicht, dass der oder auch diejenigen es auf mich abgesehen hatten.

Wir sind im "normalen" Gespräch und auf einmal knallts.

Aber der schlag kam nicht von dem Typen, der mir gegenüber steht, sondern von dem der neben mir stand.

Das nennt man auch "sucker-Punch".

Voll scheiße...

Damals bin ich einem Berg hinunter gekullert, die drei Jungs kamen hinterher und haben ihren abstoß an mir geübt.

(Vielleicht schreib ich mal ein Buch über solche Situationen :P)


Nun will ich beim Thema "Waffen" gar nicht zu tief greifen und ich mag auch gar nicht alles schlecht reden.

Ich will einfach nur Realitäten aufzeigen.

Wir haben nun hoffentlich gelernt, dass eine Gefahrensituation zu extremen mentalen Stress führen kann und die Folge mit sich bringen kann, dass ich mich einfach nicht wehren kann.

Und das alles, wenn bloß die Fäuste fliegen.

Jetzt stellen wir uns vor, dass unser Gegenüber ein Messer in der Hand hält.

Windel? Wär jetzt cool...

Aber auch das ist noch der günstigere Fall.

Was, wenn wir das Messer nicht sehen?!

Er weiß, dass er eins hat. Ich weiß es nicht...


Das können wir alles noch wesentlich weiter ausführen, aber ich hoffe, dass mein Punkt klar geworden ist.


Wieso kann ich mich als Kampfsportler trotzdem selbst verteidigen?!

Erstmal muss ich dazu sagen, dass meine Fähigkeit mich selbst zu verteidigen absolute Grenzen hat.

Und zwar liegen meine Grenzen dort, wo erstens meine Erfahrungen enden und zweitens wo ich überrascht werde.

Niemand hat Augen im Hinterkopf und ich hab auch leider keine Spiderman - Sinne.

Das bedeutet. Wenn es mich kalt erwischt, erwischt es mich kalt. Egal was ich kann. Das bringt dann alles genau gar nichts.


Es gibt aber auch verschiedene Vorteile, die mein Dasein als aktiver Kämpfer und erfahrener Kampfsportler mit sich bringen.

Wenn ich mir tatsächlich mal eine fang, die mich nicht direkt in die Knie zwingt, dann ist das kein neues Gefühl für mich und auch kein schockierendes Erlebnis.

Das ist schon viele Male passiert und ich kann damit umgehen. Auch wenn mir jemand ohne Handschuhe ins Gesicht schlägt.

Ich weiß, dass mich das nicht aus der Fassung bringt, weil es in der Vergangenheit schon öfter passiert ist und es mich nicht aus der Fassung gebracht hat.


Ein weiterer Vorteil ist die Kontrolle über meine Gefühle wie zum Beispiel der Angst.

Wer in den ring steigt, hat Angst.

Wir machen das freiwillig, aber wir haben trotzdem Angst, nur, dass wir uns eben Dieser stellen.

Ich weiß wie ich mit ihr umgehen kann. Ich weiß wie sich ein Adrenalinstoß anfühlt, wie ich mein rasendes Herz in den Griff bekomme und wie ich in solch einer extremen Situation dennoch in der Lage sein kann einigermaßen sinnvolle Entscheidungen zu treffen.


Dazu kommt, dass man in Sparringssituationen, und umso extremer im Kampf, lernt eigene Körpermaße und die des Gegenübers einzuschätzen.

Das bedeutet:

Wann kann er mich treffen?

Wann kann ich ihn treffen?

Und

Wie bewege ich mich, um Distanz nach Möglichkeit zu halten?


Ein viel wichtigerer Punkt ist aber:

Ich lerne mein Gegenüber zu lesen. Ich lerne nicht nur zu erkennen wann er Schmerzen hat, sondern auch wann er zum Beispiel sauer wird oder verzweifelt.

Emotionen werden lesbarer, wenn man sich mit Menschen in ungewöhnlichen Situationen auseinandersetzt.

Für die Selbstverteidigung kann ich das präventiv nutzen, indem ich Menschen in verschiedenen Situationen leichter lesen kann und mit den daraus gezogenen Schlüssen abschätzen kann, ob ein Mensch in einer bestimmten Situation für mich lieber zu meiden ist.


Der Schuh ist nun.

Ich und auch viele andere Kampfsportler machen das schon seit Jahren fast jeden Tag.

So viel Zeit haben wir nicht, deshalb muss man irgendwo anfangen.


Mein Tipp für alle, die lernen möchten sich selbst zu verteidigen:

Beginnt bei der Prävention.

Sucht euch einen erfahrenen Trainer, der euch helfen kann Situationen, in denen ihr euch unwohl fühlt zu vermeiden oder euch erklären kann, wie ihr da raus kommt.

Was sich hier leicht anhört, ist unglaublich schwierig und bedarf einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema.

Wichtig wäre für mich dabei, dass Dieser aus Erfahrung spricht.

Fangt bei Themen an, die für euch relevant sind.

Wann fühlt ihr euch unwohl und warum?

Was kann ich dagegen tun?

Wie vermeide ich in diese Lage zu kommen?

Es wäre schön, wenn ich unbesorgt zu jeder Tageszeit, auch alleine, jeden Weg gehen kann.

Kann ich aber nunmal nicht und egal wie viel ich mich beschwere. Es liegt an mir dann eben diesen Weg nicht zu gehen.


Ich weiß, dass es einen Trend gibt zur Selbstverteidigung gegen Waffen.

Was ist in Deutschland wahrscheinlicher? Eine Konfrontation mit oder ohne Waffe?

Wenn man sich gegen Beides zur Wehr setzen könnte, wäre das cool, aber wir können nicht alles gleichzeitig lernen, also fangt beim Naheliegenden an.

Ich habe oben etwas zum Thema Waffen gesagt.


Der ganze Artikel ist Produkt meiner persönlichen Erfahrung.

Ich steh bis heute regelmäßig im Ring und hab zwangsläufig in der Vergangenheit weniger tolle Momente auf der Straße (mit und ohne Waffen) erlebt, aus denen ich mal mehr und mal weniger geschädigt raus gekommen bin.


Aus all dem resultiert, dass ich einfach dazu rate:

Lernt Konfliktsituationen zu vermeiden!




336 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen