• Carsten Ringler

Full-time job

Aktualisiert: 12. Juli 2019



Wann immer ich Menschen kennen lerne oder auch bereits Bekannte treffe und man ins Gespräch kommt, kann ich mir über zwei Fragen, die mir gestellt werden, fast sicher sein.

Nummer ein: "Was arbeitest du eigentlich?"

Nummer zwei: "Arbeitest du denn auch noch etwas Richtiges?"

Nun... Was genau möchte man nun von mir wissen oder was möchte man mir mitteilen?!


In Deutschland gibt es ein unausgesprochenes Gesetz.

Und zwar bist du genau das wert, was auf dem Papier steht, das du jemandem zeigen kannst.

Dabei ist vollkommen egal, was genau hinter den Worten steckt, die auf diesem Papier stehen. Genau so ist auch egal wie genau man zu diesem Papier gekommen ist.


Wenn ich bei der Frage Nummer eins nun antworten würde: "Ich bin Lager- und Logistikfachkraft" bekäme ich Frage Nummer zwei gar nicht erst zu hören.

Wenn sich an dieser Stelle jemand angegriffen fühlt, kann er nun nachvollziehen wie sich ein freiberuflicher Trainer oft fühlt!

Ich möchte hier keine anderen Berufsgruppen herabwürdigen, sondern wünsche mir einfach Respekt und Anerkennung für mich und die Menschen, die in meinem Bereich tätig sind.

Es steckt nämlich einfach mehr hinter diesem Job, als man auf dem ersten Blick sieht!


Trainer, egal welcher Sportart, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen, sind Menschen, die versuchen ihre Leidenschaft im Leben nicht aufzugeben.

Da wir in einer Gesellschaft leben, in der wir nur mit einem Mindesteinkommen überleben können, lässt sich Dies am Besten bewerkstelligen, indem man mit seiner Leidenschaft Geld verdient.

Das hört sich vielleicht einfach an, aber wenn man nicht gerade begnadeter Fussballspieler ist, ist das gar keine so leichte Aufgabe.


Ein Sportler muss nun die Fähigkeiten verschiedener Berufszweige in sich vereinen.

Als Trainer sollte man sich über die Menschliche Physis nicht nur im Klaren sein, sondern sich auch noch in diesem Bereich ständig weiter bilden, denn die Wissenschaft steht nie still.

Fachkompetenz ist das Stichwort.

Der heutige Wissensstand ist morgen veraltet und das betrifft uns tatsächlich auch im Sport.

Darüber hinaus muss ein Trainer allerdings nun auch eine Art Animateur werden, denn nur glückliche Teilnehmer bleiben im Kurs oder Gym.

Dafür muss man sie bespaßen. Sie wollen nicht nur etwas lernen oder trainieren. Sie wollen entertaint werden, um ihrem Alltag zu entfliehen.

Als guter Trainer muss man für Hobbysportler mit der fachlichen und sozialen Komponente in dem Kurs spielen können und so technische Details und auch den Drill den Leuten mit Spaß nahe bringen können.


Das ist aber noch lang nicht alles!

Als selbstständiger Trainer ist man ein Unternehmer und muss somit ein Unternehmen beim Finanzamt melden, Rechnungen schreiben und zum Beispiel Umsatzsteuer und Krankenversicherung selbst zahlen.

Wenn man nicht gerade von einem Studio oder einem Gym beauftragt wird und man selbst Räumlichkeiten für seine Arbeit braucht, muss man natürlich auch Raumkosten decken können.

Dafür brauchen wir Kundschaft.

Wie kommt man an Kundschaft?! Genau... Wir müssen Werbung machen.

Wenn man nicht das nötige Geld übrig hat, entsprechendes Personal zu bezahlen, wird man selbst zum Grafikdesigner und erstellt Visitenkarten, flyer oder Plakate selbst.

Zeit wird ein immer wichtigerer Faktor und heut zu Tage muss man eine Menge davon damit verbringen in sozialen Netzwerken aktiv zu sein, um als Dienstleister nicht von Anderen, die dort eben aktiv sind, verdrängt zu werden.


Wenn man es irgendwie geschafft hat Mitglieder in seine Räumlichkeiten zu bringen und die sich dann auch für einen Kurs angemeldet haben, muss man natürlich auch überprüfen, ob Zahlungen ausstehen und gegebenen Falls Mahnungen schreiben.

Man wird also auch sein eigener Buchhalter.

Auch hier könnte man einen Steuerberater aufsuchen, aber der ist teuer und wir sind ja erstmal noch Kleinunternehmer und können uns den gar nicht leisten.


Jetzt bin ich Trainer, Animateur, Buchhalter und Grafikdesigner.

Allerdings wäre ich auch gern noch aktiver Sportler und muss mich auch für das Auge der Mitglieder fit halten, um autenthisch zu bleiben.

Ich kann niemandem Fitness predigen, wenn ich selbst einen Schlaganfall bekomm, falls ich mal Treppen steigen muss.


Wie sieht zum Beispiel ein Montag in meinem Leben aus?!:

06:30 Uhr der Wecker klingelt

07:10 Uhr 7 Kilometer joggen zum Gym

08:00 Uhr Wettkampftraining

09:00 Uhr Duschen

Nun gibt es abhängig von meiner Planung der Privattrainings ein Zeitfenster zwischen 10:00 Uhr und 13:00 Uhr oder 10:00 Uhr bis 11:00 Uhr, falls ich um 12:00 Uhr ein Privattraining gelegt habe.

14:00 Uhr Capoeira Unterricht im Kindergarten

16:00 Uhr Muay Thai Kindertraining

Ein weiteres Zeitfenster zwischen 17:30 Uhr und 19:30 Uhr.

20:00 Uhr Muay Thai Anfängertraining

21:00 Uhr Muay Thai Fortgeschrittene und Wettkämpfertraining, an dem ich selbst teilnehme.

23:00 Uhr Zuhause

Am Dienstag klingelt um 6:30 Uhr wieder der Wecker!

In den "freien" Zeitfenstern muss ich mich um Buchhaltung, Steuern, Werbung usw. kümmern.


Wir sind eben einfach Sportler in einem Einzelunternehmen, das geführt werden muss.

Dieses Unternehmen kann nur funktionieren, wenn man eine unglaubliche Anzahl an Arbeitsstunden investiert, die man als Außenstehender einfach nicht sieht.

Das ist auch okey!

Aber es ist nicht okey meine und unsere Arbeit zu degradieren und als weniger wertvoll oder wichtig anzusehen wie andere Berufszweige, nur weil man den "Rattenschwanz" nicht sieht.


Am Ende steht jemand wie ich vor euren Kindern und bringt ihnen rückwärts laufen, auf einem Bein hüpfen und (noch viel wichtiger) Disziplin, Respekt und den Umgang mit anderen Kindern, bei.

AUCH hierfür wünsche ich mir, und sicher auch andere Trainer für sich, einfach ein wenig mehr Anerkennung.




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