• Carsten Ringler

Das ist nichts Ernstes...

Kleine Geschichte aus dem Ring

Verletzungen im Kampf


Was wir hier sehen, ist die Folge einer Konfrontation zwischen Kopf und Ellbogen.

Das Blut lief sofort wie aus der Flasche... und das nicht zu knapp.

Der Kampf musste aufgrund dieser Verletzung zurecht in der 4. Runde abgebrochen werden.

Dieser sogenannte "cut" selbst ist nicht besonders schlimm.

Es geht eher darum, was aus ihm hätte werden können.

Er war breit, tief und musste mit zehn Stichen genäht werden.

Dazu kommt, dass er nicht bloß horizontal verlief, sondern auch noch ein Teil des cuts vertikal bis tief runter in meine Augenbraue hinein ragte.

Ein weiterer Treffer, oder auch bloß der Druck der eigenen Deckung oder ein kleiner Fehler in der Positionierung des Kopfes in einer Clinchsituation hätte den cut so ungünstig aufreißen können, dass es nicht weit hergeholt ist, wenn ich sage, dass meine Augenbraue sich hätte zum Teil lösen können.

Hätte, wenn und aber...

Der Ringrichter hat zu Gunsten meiner Gesundheit entschieden den Kampf abzubrechen.


Auch wenn diese Verletzung schlimm aussieht und hätte wesentlich schlimmer werden können, gehört so ein cut dennoch zu den eher harmlosen Verletzungen, von denen man im Kampf geplagt werden könnte.

Auch wenn der Ellbogen schon ziemlich gescheppert hat und ich mich bis heute an diesen Moment erinnere, ist die Verletzung selbst eher zu den Oberflächlichen zu zählen.

Immerhin kann ich mich nämlich daran erinnern, was definitiv nicht selbstverständlich ist!


Der Angriff war sehr gut getimed und mit sauberer Technik präzise ausgeführt. Dann braucht es nicht viel und der cut ist da. Der Kampf wird abgebrochen und Ende...

Die Wunde wurde zugenäht und ich hab weder kurzfristige, noch langfristige Schäden davon getragen.

Keiner weint...


Anders ist das bei einer Verletzung, die ich mir kurz zuvor eingefangen hab.

Im Sparring hab ich einen schlecht getimeten Tritt abgefeuert, der gefangen wurde und ich hab mir darauf hin das rechte Knie verdreht und den Innenmeniskus zerlegt.

Das Ganze war im April 2019.

Jetzt haben wir November 2019 und es verfolgt mich bis heute.

Ich kann mein Knie zwar uneingeschränkt belasten und wieder mit voller Power zutreten, aber ich fühle die Verletzung noch immer.

Das Interessante hierbei ist, dass man diese Verletzung nicht sieht, aber dennoch wesentlich schlimmer ist, da ich kurzfristige und langfristige Folgen davon getragen hab.


Zwei Beispiele für Verletzungen.

Die Erste blutet und sieht auf den ersten Blick super krass aus.

Die Zweite blutet nicht, ist nicht angeschwollen und man sieht einfach gar nichts davon.

Die Erste hat keine Folgen.

Die Zweite schon.


Wie sollte ich mit nun mit Verletzungen egal welcher Art umgehen?!

Erstmal bin ich ein absolut beschissenes Vorbild, wenn es um sowas geht.

Ich renn mit Gipsarm oder Bein, auf Krücken oder im Rollstuhl zum Training und mach irgendwas, was noch geht.

Ich musste im Juli 2019 für 8 Tage ins Krankenhaus und bin an manchen Tagen trotzdem mit Infusionsnadel im Arm zum Training.

Das ist weit entfernt von richtig oder vernünftig, aber ich bin auch leider verrückt und das weiß ich.

Ich weiß dennoch was richtig wäre und wie man´s machen sollte...


Jede Verletzung sollte in jedem Fall angemessene Beachtung bekommen.

Damit meine ich nicht, dass wir für jeden Scheiß zum Arzt rennen sollten. Definitiv nicht!

Aber eine Grundlage in der Erstversorgung, auch von kleineren Verletzungen sollten wir uns als Sportler in jedem Fall aneignen!

Ich selbst habe Grundsätzliches wie kühlen, hoch legen und Kompression für Allgemeinwissen bei Erwachsenen gehalten.

Dem ist aber nicht so.


Ich möchte nun hier keinen Kurs für erste Hilfe geben, sondern euch eher ans Herz legen euch für eine Erstversorgung bei Sportverletzungen schlau zu machen, damit ihr selbst einschätzen lernt welche sinnvollen Handlungsmöglichkeiten ihr im Fall einer Sportverletzung habt.


Nun lang drum herum geschwafelt.

Kampfsport ist gefährlich und ihr könnt dabei gut was vor`n Helm bekommen!

Ich wurde schon oft gefragt, ob ich mich schon öfters auch stark verletzt hab beziehungsweise welche Verletzungen ich schon hinter mir habe.

Meine Antwort ist immer die Gleiche:

"Nein. Ich hatte noch keine schlimmeren Verletzungen."

"Welche Verletzungen hast du dir denn schon zugezogen?"

"Meine Nase war unzählige Male gebrochen, Rippen gebrochen, Augenhöhle gebrochen, Mittelfußknochen gebrochen, Zehen gebrochen, Zähne raus gebrochen, Risse drin oder Stücke weg gebrochen, unzählige Prellungen überall..."

Diese Aufzählung dauert eine Weile und ich vergesse immer irgendwas.

Ich hatte schon cut Verletzungen um beide Augen herum, in den Augenbrauen oder direkt im Augenlid. Genau in dem Winkel, wo man es gar nicht sieht...

Dann kommt meist ein ironisches "Also noch keine schlimmeren Verletzungen..."

Richtig!


2012 hatte ich einen super harten Kampf gegen Tanar Tatar nach einem Kickbox-Regelwerk mit Kniestößen und Lowkicks.

Ich hatte nie auf mein Gewicht achten müssen, weil ich eigentlich immer Untergewicht hatte und mein Kampfgewicht dann so grob geschätzt hab.

(Früher war das alles eher weniger professionell bei mir ...)

Auf jeden Fall war die Waage am gleichen Tag und ich bin mit meinem damaligen Trainer nach Hamburg gefahren, hab mich auf die Waage gestellt und hatte einfach 2,5 Kilogramm zu viel.

Der Veranstalter sagte dann "Wenn du in spätestens zwei Stunden wieder kommst und dann dein Gewicht hast, kannst du kämpfen."

Zwei Stunden, um 2500 Gramm abzunehmen.

Da wir nun schonmal da waren, hab ich mir alle Sachen angezogen, die ich dabei hatte und bin rennen gegangen.

Damit meine ich wirklich rennen!

Ich kann mich nicht erinnern wie viele Runden es waren, aber ich bin wenigstens eine Stunde auf einem Sportplatz im Kreis gerannt.

An der Geraden, wo häufig Sitzplätze sind hat mein Trainer mit Pratzen auf mich gewartet und ich hab geballert bis er gesagt hat ich soll weiter rennen.

Auf dem Rückweg zur Veranstaltung musste ich zwischen den Laternen, an denen wir auf dem Weg vorbei gekommen sind, hin und her sprinten.


Doch...

Ich hatte es geschafft...

2,4 Kilogramm in 2 stunden.

100 gramm Übergewicht gehen in Ordnung.

Der Kampf war Teil eines Turnieres und ich sollte ungefähr eine Stunde nach der Waage gegen Tanar kämpfen.

Hab ich auch...

Die erste Runde ging los und ich hab eigentlich gar nichts so richtig bewusst wahrgenommen.

Er hat mich angegriffen und mein körper hat wie von selbst reagiert.

Ich hab aus der gegnerischen Ecke gehört "Der ist zu schnell..."

Ich dachte nur "ey...reden die über mich?!"

Ich konnte meine Beine kaum noch heben als ich in den Ring gestiegen bin.

In der zweiten Runde hab ich einen guten Start hingelegt. Konnte ihn gut treffen und starke Treffer seinerseits vermeiden und ich weiß noch wie ich dachte "Boah f**k, wenn ich den Kampf gewinne, muss ich im Finale nochmal kämpfen."

Es sah tatsächlich gut aus...

Das war im Übrigen kein Amateur Turnier.

Jeder Kampf dauerte 3 x 3 Minuten, wobei dieser Kampf tatsächlich der Einzige im ganzen Turnier war, der über die volle Distanz ging.

Auf jeden Fall dachte ich einfach "komm! Zieh durch man!" und ich hab echt alles versucht, aber mein Körper wollte einfach nicht mehr...

In der dritten runde war mir schon alles scheiß egal.

Ich bin nicht der beste Kämpfer der Welt, aber wenn ich eins kann, dann ist das mich durch zu beißen. Ich geh auch mal auf die Bretter, aber ich stehe immer wieder auf!

Jedenfalls hab ich in der dritten Runde komplett abgeschaltet und keine Kicks mehr geblockt und mit letzter Kraft noch so viel ausgeteilt wie irgendwie möglich war.

Schienbein auf Oberschenkel.

Schienbein gegen Schienbein.

Knie gegen Knie.

Es war ein knochiger und harter Kampf, den ich am Ende dann doch mit einer Punktentscheidung gegen den Lokalmatadoren und auch späteren Turniersieger verloren hab.

Tanar hatte im Finale dann in der ersten Runde durch K.o. gewonnen.

Er hatte auch einige Blessuren aus unserem Kampf davon getragen.

Wir haben uns in der Kabine getroffen und er hat quasi in Eiswürfel gebadet, was mich (ja ich weiß,sollte man nicht...) trotz Niederlage dann doch ein bisschen stolz gemacht hat.

Er hatte ein dickes Auge und seine Schienbeine sind beide auf doppelte Größe angeschwollen.

Ein netter Typ. Wir haben uns unterhalten und ein bisschen ausgetauscht.

Er hatte zu dem damaligen Zeitpunkt schon mehr als doppelt so viele Kämpfe wie ich selbst hatte, aber ich hab ihm einen guten Kampf geliefert.

Nach der Veranstaltung bin ich ohne Dusche zum Auto gehumpelt und hab mich am Wagen umgezogen.

Genau hier fing der ganze Spaß erst so richtig an.

Wenn der Schmerz eintritt...

Ich konnte meine Beine nicht mehr hochheben.

Das ist nicht metaphorisch gemeint.

Es ist tatsächlich genau so gewesen, dass ein abgesekter Bordstein, z.B. einer Hauseinfahrt, ein nahezu unüberwindbares Hinderniss für mich darstellte!!!

Wenn ich sage, dass ich langsam gelaufen bin, ist das mehr als untertrieben!

Mein Trainer hatte noch die coole Idee sich nach der Veranstaltung noch Hamburg ein bisschen anzuschauen.

Haben wir gemacht und es war einfach nur schmerzhaft, aber wie ein richtiger Krieger (ja, Testosteron off) hab ich natürlich nichts gesagt und bin so "schnell" ich konnte mit gegangen.

Wir sind in der gleichen Nacht noch nach Hause gefahren und ich konnte den nächsten Tag zuhause im Bett verbringen.

Das ist nun kein Scherz!

Ich habe den ganzen Tag weder gegessen, noch getrunken, damit ich bloß nicht zur Toilette muss!

Wenn ich mich von einer Seite auf die Andere drehen wollte, hat das 5 bis 10 Minuten in Anspruch genommen!

Mein ganzer Körper sah aus wie Sch***e, aber insbesondere meine Beine waren einfach zu nichts mehr zu gebrauchen!

Alles war blau und hart.

Ich hatte zwar nichts gebrochen, aber so ziemlich jeden Muskel und auch Knochen geprellt, den man in einem Anatomie-Buch finden kann.

Ich hatte Schmerzen, die sich kaum ein Mensch vorstellen kann!


Ich sollte das Wochenende darauf in Köln kämpfen.

ich habe meinem Trainer gesagt, dass ich nicht laufen kann, worauf wir dann an dem Montag nach dem Kampf gemeinsam eine große Runde joggen gegangen sind...

Ich bin ins heiße Bad gestiegen und hab mir sämtliche Blutergüße aus den Muskeln raus gedrückt und weg "massiert".

Ich bin jeden Abend joggen gegangen. Jeden Tag ein bisschen schneller und schon nach drei Tagen waren meine Beine wieder fast vollständig einsatzbereit.

Damit meine ich nicht, dass es nicht mehr weh tat, sondern bloß, dass ich sie wieder benutzen konnte.

Ich bin in Köln trotzdem nicht angetreten, weil ich mir in dem Kampf auch ein Knie verdreht hatte und Angst hatte mich dann richtig zu verletzen, weil es einfach nicht so stabil schien, wie ich es mir gewünscht hätte.

Dennoch... vom im Bett liegen und nicht essen oder trinken wollen bis zu einer 10 Kilometer runde joggen in nur 3 Tagen.


Warum sage ich nun, dass ich noch keine ernsthaften Verletzungen davon getragen habe, wenn man so eine Geschichte ließt oder erlebt hat?!

All diese Dinge zähle ich zur Kategorie "Oberfläche".

Das Knie mal außern vor gelassen, sind alle anderen Verletzungen nur zeitweise und sehen vielleicht krass aus, sind aber leicht behandelbar und halten mich auch im Alltag nicht von meinen Aufgaben ab oder schränken mich beim Sport in einer Form ein, dass ich bestimmte Bewegungen nicht mehr ausführen könnte.


Woran erkenne ich eine schwerere Verletzung, die nicht sichtbar ist?!

Jeder muss ein Gefühl für seinen Körper entwickeln und (auch wenn sich das seltsam anhört) Erfahrungen mit Verletzungen an sich selbst sammeln.

Nur so könnt ihr eure Grenzen einschätzen lernen und dazu noch bei anderen Sportlern eher einschätzen um welches Problem es sich nun handelt und was die ersten Maßnahmen wären.

Dazu noch, ob es sich nun um eine schwerere oder eher leichte Verletzung handelt.


Im Kampfsport treffen wir häufig auf Prellungen, Verstauchungen oder auch Knochenbrüche kommen vor.

Nicht für jede Verletzung muss man zu einem Arzt!

Wenn man mit Schmerzen zu einem Arzt geht, stellt Dieser eine Diagnose, die sich fachlich natürlich immer super krass anhört und einer der standart Antworten meiner persönlichen Erfahrung nach ist "8 Wochen Pause, hoch legen und kühlen".

Nicht immer ist eine Pause ratsam.

Bewegung bedeutet auch Blutzirkulation. Blutzirkulation bedeutet Versorgung mit Nährstoffen.

Bewegung -> Blutzirkulation -> Regeneration

Für kleinere Verletzungen kann nach einer kurzen Pause die Förderung der Durchblutung eine bessere Behandlung sein als die Stilllegung des Bewegungsaparates.

Genau hierfür müsst ihr eben ein Gefühl für euren Körper entwickeln.

Damit ihr besser erkennen lernt, wann eine Verletzung gravierend ist und ob ich mir fachlich kompetenten Rat einholen muss.

Oder wann eine Verletzung ohne großen Aufwand selbst "therapierbar" ist.

Im Zweifelsfall solltet ihr in jedem Fall ärztlichen Rat einholen und falls nötig auch einen zweiten und dritten Arzt aufsuchen.

Wenn ihr euch fachlichen Rat holt, würde ich immer eher zu einem Sportmediziner oder erfahrenen Physiotherapeuten raten, der nicht sofort zum Messer oder Medizinschrank greift und bei dem Ihr das Gefühl habt, dass er tatsächlich das Bedürfnis hat euch zu helfen.




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