• Carsten Ringler

300 Gramm zu viel...

Wenn wir uns einen Kampf anschauen, sehen wir beim Boxen bis zu 12 x 3, beim MMA 5 x 5 oder beim Muay Thai 5 x 3 Minuten packende Kämpfe.

Schlachten, in denen man beim Zuschauen nahezu fühlen kann, was die Kämpfer gerade durchmachen.

Was wir uns da gerade anschauen, beurteilen wir für uns als extrem hart und die meisten Menschen sind sich einig, dass nicht jeder dafür gemacht ist!


Was ist aber mit dem Teil, den wir nicht im Fernsehen oder im Internet sehen?!

Gehen wir mal weg vom Training...

Wie muss sich ein Kämpfer sonst noch auf einen Kampf vorbereiten, um überhaupt kämpfen zu dürfen?!


Ein Kämpfer muss sein Gewicht innerhalb einer bestimmten Gewichtsklasse halten.

Das klingt erstmal nicht schwer...

Wenn ich mich schon länger mit meinem Körper beschäftige und den Sport betreibe, kann ich ziemlich gut einschätzen welches Gewicht ich bei welchem Trainingspensum und Ernährungsplan erreichen werde.

Ich stell mich auf die Waage... 73 Kilogramm.

Der Kampf sollte in 3 Wochen stattfinden bei 72 Kilogramm.

Okay. Kein Problem!


Jetzt habe ich mich super vorbereitet. Das Training war hart. Ich bin in Topform und bereit in den Ring zu steigen.

Einen Tag vor dem Kampf ist die Waage, die ich auch ohne Probleme geschafft hab. 72 Kilogramm. Auf dem Punkt.

Wenn wir uns nicht bei der Waage schon getroffen haben, begegne ich im Ring dann zum ersten Mal meinem Gegner.

Die Überraschung ist groß, als ich diesen Bären vor mir stehen sehe!

Er ist nur ein kleines Stück größer als ich, bringt aber wesentlich mehr Masse mit!

Jeder Schlag fühlt sich an wie von einem Presslufthammer und im clinch ist es unheimlich schwer sich zu behaupten, weil er einfach wesentlich mehr Kraft aufbauen kann, wenn er mich zieht oder sich sogar auf mich stützt.

Ich bekomme die Schläge meines Lebens, aber wie ist das möglich?!

Wir sind doch in der selben Gewichtsklasse...


Wenn die Waage einen Tag vor dem Kampf ist, bekommt man einen Spielraum für einen sogenannten "weight-cut".

Ein Liter Wasser wiegt 1 Kilogramm. Das bedeutet, wenn ich vor der Waage einen Kilo ausschwitze und nach der Waage einen Liter Wasser trinke, dann bin ich am Kampftag ungefähr einen Kilo schwerer, als angegeben.

Ich sage ungefähr, weil wir natürlich alles, was wir in dieser Zeit zu uns nehmen verstoffwechseln und teilweise auch wieder ausscheiden.

Wichtig ist aber auch zu wissen, dass wir nicht bloß Wasser ausschwitzen, sondern eben auch verschiedene Nährstoffe abgeben, die wir wieder zuführen müssen.

Bei einem Liter ist das nun keine Große Kunst, aber dieses "weight-cutting" ist inzwischen fast eine eigene Disziplin geworden.


Wenn ich euch sage, dass Kämpfer am Kampftag oftmals entspannte 10 Kilo schwerer sind, als bei der offiziellen Waage, dann ist das kein Scherz und bloß der Anfang einer langen Geschichte.

Bei den Profis im MMA können es ganz schnell auch 12 oder 13 Kilo sein!

Wenn ihr euch nun bei 75 Kilo bei der Waage trefft und im Ring der Gegner einfach fast 90 Kilo wiegt, dann hat dieser Kämpfer sich einen Vorteil geschaffen, den ihr nur bei größter anstrengung wieder ausgleichen könnt, wenn überhaupt.

Im MMA ist es ja nunmal so, dass der Kampf auf dem Boden weiter geführt wird.

Wenn dein Gegner 10 Kilo mehr wiegt als du, auf dir sitzt und ein bisschen von dem versteht, was er dort zu tun hat, kommt ihr ihn dort nie wieder weg.

Lasst jemanden mit so viel mehr Gewicht auf euch sitzen und stellt euch vor, dass er euch schlagen darf.

Richtig. Das wünscht sich keiner!


Nun habe ich drei Möglichkeiten.


1. Ich mache keine professionellen Kämpfe mehr.

2. Ich werde schwerer.

3. Ich mache ebenfalls einen weight-cut für eine niedrigere Gewichtsklasse


Nummer 1 fällt für die meisten Kämpfer weg, da wir ja eigentlich gerne tun, was wir tun und eventuell sogar damit unseren Lebensunterhalt verdienen.

Nummer 2 ist sehr schwierig, weil wir nicht bloß fett werden wollen, sondern mit unserem Körper im Kampf effektiv arbeiten müssen.

Viele Profi-boxer steigen über Jahre hinweg kleinschrittig in den Gewichtsklassen auf.

Nummer 3 ist sehr hart, aber immernoch leichter als die beiden anderen Optionen.


Nun muss ich in meiner Vorbereitung auf den Kampf nicht nur den Kampf selbst und mein aktuelles Gewicht berücksichtigen, sondern auch den weight-cut planen und meinen Körper auf Diesen vorbereiten.

Hierfür gibt es allerhand Tricks unseren Körper zu verarschen und mit dem Wasserhaushalt zu spielen.

Alle sind schmerzhaft und ein Drahtseilakt in schwindelerregender Höhe.

Es ist kein Einzelfall, dass Kämpfer beim "Gewicht machen" gestorben sind!


Es gibt Videos von Profi Kämpfern, die weinend in einer Badewanne sitzen oder ihrem Körper einen Würgereflex aufzwingen, um die letzten Reste, die auch nur ein wenig Gewicht mit sich tragen, los zu werden.

Ein Becher, in den man rein spuckt, ist ein ständiger Begleiter.

Nach dem Motto "Kleinvieh macht auch Mist" wird Speichel nicht mehr geschluckt. Egal wie leicht Dieser sein mag. In der Summe kriegen wir auch hier wieder ein paar Gramm zusammen.

Nicht Einhaltung der Gewichtsklasse wird mit einer Strafe belegt. Man muss einen Teil seiner Gage einbüßen oder der Kampf kann sogar ganz abgesagt werden.

Wenn man allerdings mit den Kämpfen seinen Lebensunterhalt bestreitet, sind beides keine Optionen!


Diese Strapazen sind aber nur ein Teil der, ich sag mal, "passiven" Möglichkeiten Gewicht zu verlieren. Nicht umsonst wurden Schwitzanzüge entwickelt und ständig verbessert.

Dieser Anzug lässt weder Hitze, noch Feuchtigkeit nach außen. Das klingt jetzt schon für viele menschen nach Schmerz, aber wenn wir daran denken, dass Kämpfer darin joggen gehen, Trainingseinheiten absolvieren und manche darin sogar kurze Aufenthalte in der Sauna verbringen, dann fragt man sich wo eigentlich der gesunde Menschenverstand bei all dem bleibt.

Der ist ausgeschaltet... Es gibt ein Ziel. Ein Kämpfer programmiert sein Hirn und stellt seinen Körper darauf ein an diesem einen Tag bereit zu sein, ungeachtet der Opfer, die er bringen muss, auch wenn sie gesundheitliche Folgen haben.

Für einen professionellen Kämpfer ist es täglich Brot seinen körperlichen und mentalen Grenzen zu begegnen.

Dieser Satz drückt noch lange nicht aus, was man in seinem Trainingslager zur Vorbereitung auf einen wichtigen oder harten Kampf, durchmacht!

In jedem Fall ist der weight-cut für einen Kämpfer nur eine Hürde von vielen, auf seinem Weg in den Ring und deshalb unterschätzen viele einfach die Gefahren.

Dazu kommt, wie gesagt, oft auch die Notwendigkeit des Kampfes für den Lebensunterhalt für sich selbst, oder in anderen Ländern auch für seine Familie.

Wer an dieser Stelle sagt, dass es immer andere Weg gibt, hat einfach keine Ahnung und sollte öfter reisen...


In einer "perfekten" Welt hat man mindestens eine oder zwei Wochen Zeit für den weight-cut.

Leider leben wir nicht in einer perfekten Welt und es kommt auch vor, dass Angebote für Kämpfe recht spontan kommen.

Zwei Wochen, zehn Tage, drei Tage oder sogar am Kampftag selbst kann es sein, dass ein Angebot für einen Kampf kommt.

Ich selbst hab mal einen Kampf gegen einen schwereren Gegner, bei der Waage eines Freundes, den ich begleiten sollte, am Kampftag angenommen.


Wenn die Waage einen tag vor dem Kampftag stattfindet, man seinen Körper kennt und das Gewicht beherrscht, kann man auch Kämpfe in verschiedenen Gewichtsklassen annehmen, was einem in einem Land wie Deutschland, wo es nicht viele Möglichkeiten gibt zu kämpfen, Chancen schafft öfters im Ring zu stehen.


Auf diesem Bild bin ich kaum wieder zu erkennen.

Ich wollte diesen Kampf unbedingt bekommen. Im Vorfeld wurde ich gefragt, ob ich bei 68 Kilo kämpfen kann. Nun ist es so, dass ich immer fit bin. Nicht immer kampf-fit, aber eigentlich immer im Training.

Dementsprechend gibt es an meinem Körper nicht mehr viel zu verbrennen. Das bedeutet, dass ich, um auf dieses Gewicht zu kommen fast ausschließlich an Wasser verlieren müsste.

Wenn ich nicht in der Vorbereitung bin, schießt mein Gewicht schonmal hoch auf 75 oder 76 Kilogramm. Manchmal etwas mehr, wenn ich so gar nicht auf meine ernährung achte oder z.B. krank werde, nur im Bett lieg und mich aus Langeweile pausenlos voll stopf.

Beginnt die Vorbereitung, sinkt es ziemlich schnell auf 74 oder 75 ohne große Veränderungen in der Ernährung.

Kommt der Ernährungsplan dazu, ist ein Körpergewicht von entspannten 71 Kilogramm am Tag der Waage, mit ein bisschen Schwitzen, abhängig davon wie verletzunsgfrei die Vorbereitung gelaufen ist, nicht allzu schwer zu erreichen.

Ich stand auch schon mehrfach mit "zu wenig" Gewicht auf der Waage.

Nicht allzu schwer hört sich allerdings auch harmloser an, als es für viele wahrscheinlich ist.

Für die normalen Menschen unter euch. Ich gehe in einem Zeitraum von einem Monat bis maximal zwei Monaten, wenn man so viel Zeit hat und nichts dazwischen kommt, 5 bis 6 Kilo nach unten.

In dem Bereich fühle ich mich fit, bin aber dann auch gut austrainiert.

Jetzt noch 3 Kilo Wasser zu verlieren ist schmerzhaft.

Einfach auch weil ich bestimmt seit 15 Jahren keine 68 Kilo mehr auf die Waage gebracht habe.

Bis dahin hatte ich schon bis 69 Kilo gekämpft, aber 1 Kilo ist in diesem Bereich schon echt viel!

100 Gramm können die Hölle sein!

Wenn man bereits eine Menge Wasser verloren hat, weigert sich der Körper irgendwann weiter Wasser abzugeben.

Dann muss man schon zu härteren Tricks greifen, die ich hier nun nicht aufzählen möchte.

Das soll keine Anleitung werden!

Jedenfalls sah es in dem Fall bei mir so aus, dass niemand genau wusste, ob ich nun am Kampftag oder einen Tag vorher auf die Waage müsste.

Ich bin einen Tag vor dem Kampf zum Stadion gereist mit der "Info", dass die Waage am Kampftag stattfinden würde.

Ich hatte noch gefrühstückt und so zu diesem Zeitpunkt etwas weniger als 70,5 Kilo und meines Wissens nach noch einen Tag für ein bisschen mehr als 2 Kilo. Das ist genug Zeit in meiner Welt.

Als ich am Stadion ankam, wurde mir aber eröffnet, dass ich noch ca. 90 Minuten habe bis zur Waage.

"Swet-suit and exercise" war die Anweisung.

So bin ich im schwarzen Schwitzanzug bei über 30 Grad durch die Sonne von Pattaya gerannt.

Das war nich schön.

Als ich den Anzug kurz vor der Waage den Anzug und alles Andere ausgezogen hatte, war der ganze Boden voller Wasser. Ein Mini-See aus Schweiß...

Ich hab die Thai-Shorts der promotion angezogen und bin auf die Waage.

68,3 Kilogramm.

300 Gramm zu viel...

Es gibt keine Toleranz. Bei manchen Veranstaltungen oder Kämpfen gibt es eine Toleranz von bis zu 500 Gramm.

Bei dieser Veranstaltung waren 300 Gramm über dem verabredeten Gewicht zu viel.

Man sagte mir ich könnte die shorts ausziehen und nochmal drauf. Ich hatte aber schon nichts mehr drunter und wollte nicht mit blankem Hintern vor den Kameras stehen.

Also wurde alles auf den backstage Bereich verlagert, wo ich dann komplett nackt auf die Waage bin.

Noch ein Mal die Haare abtrocknen, zur Toilette und shorts runter.

68,04 Kilogramm.

Ich seh aus wie ein Hautständer, aber der Promotor hat das Übergewicht von 40 Gramm akzeptiert und ich konnte kämpfen.

Nach der Waage muss man zusehen, dass man Flüssigkeit und Nährstoffe wieder rein bekommt.

In diesem Moment schmeckt trockener Reis wie dein lieblings Schokoriegel. Stilles Wasser ist der Himmel auf Erden.

Es gibt keinen Moment in eurem Leben, an dem ihr etwas zu essen und zu trinken, egal was es ist, mehr zu schätzen gewusst hättet, als in Diesem!

Allerdings ging es mir beschissen wie noch nie.

Herzrasen, Nierenschmerzen, teilweise verschwommene Sicht und schlechteres Gehör gesellen sich zu dem ständigen Schwindelgefühl, das man mit sich rum schleppt.

Ich hätte gern geweint...

So hab ich mich zumindest gefühlt.

Das Problem bei der ganzen Sache ist die neue grenze, die eingerissen wurde.

Bevor ich dieses Gewicht erreich hatte, dachte ich immer, dass bei 69 Kilo meine Grenze liegt.

Die Vorbereitungen dieses Gewicht zu erreichen liefen super, auch wenn ich dann ungeplant spontan auf die Waage musste.

Das bedeutet, dass die neue Grenze bei 68 Kilo liegt und eventuell, falls ein entsprechendes Angebot kommt, würde ich sogar auf 67 Kilo runter gehen. Ich weiß es nicht...

Mein Verstand sagt: "Lass es einfach, du Idiot...", aber mein Herz sagt: "Du bist doch ein richtiger Kämpfer. Sag ja!"

Das ist das Problem mit den Grenzen im professionellen Kampfsport. Man stößt so oft an seine Grenzen und reißt sie ein, dass man irgendwann jemanden braucht, der einem sagt wo die absolute Grenze ist, die man nicht einreißen sollte.


All das passiert bevor der eigentliche Kampf stattfindet. Bevor man in den Ring steigt.

Im Prinzip ist bis jetzt noch nichts passiert...

Ich bin am Kampftag mit etwas weniger als 72 Kilo in den Ring gestiegen. Ich hab mich gut gefühlt und war topfit.

Der Kampf wurde landesweit ausgestrahlt, aber was niemand gesehen hat, sind die Strapazen, die man vorher durchmacht.


Bis zur Waage hab ich mich gefühlt, wie ein Mülleimer aussieht, aber was ich da gemacht hab, war noch kein großer weight-cut.

Wie oben schon gesagt, gibt es Kämpfer in anderen Disziplinen, die 10 Kilo und mehr machen, bevor sie auf die Waage steigen.

Manche verlieren das Bewusstsein oder müssen auf der Waage gestützt werden, damit sie nicht umkippen.

Sie versuchen so grade ebend für den Moment, in dem das Gewicht genommen wird, alleine zu stehen und müssen im Anschluss sofort wieder gestützt werden.

Das sind natürlich extreme Fälle und oft ist es dann auch so, dass diese Kämpfer im anschließenden Kampf ihre eigentliche Leistung nicht mehr abrufen können.

Dennoch ist es so, dass, wenn der große Kampf ruft, man bereit ist alles dafür zu tun!

Der Trainer von Conor McGregor, John Kavanagh, hat in einem Podcast gesagt, dass sie den ersten Kampf in der UFC auch angenommen hätten, wenn er bei 125 Pfund (ca. 56 Kilo) angesetzt worden wäre. Irgendwie hätten sie es schon gemacht. Normal kämpft er bei 145 Pfund(ca.66 Kilo) oder 155 Pfund(ca.70 Kilo).

Vielleicht hat er hierbei im Scherz etwas übertrieben, aber so ist die Realität.

Der Anruf mit der großen Chance kommt und man ist bereit seine Grenzen zu verschieben.


Alle Kämpfer hassen diesen Teil der Vorbereitung. Ich kenne niemanden, der Bock darauf hat.

Es ist einfach nur hart, gehört aber leider dazu. Wenn man Profi ist, ist es Teil des Jobs das verabredete Gewicht auf die Waage zu bringen!






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